leichter machen hilft oft nicht

Macht leichtes Training deinen Hund schlechter?

Man soll einen Hund im Training nicht überfordern. Warum kann dann einfaches Training den Hund schlechter machen? 

Ich stehe abseits eines Trainings und schaue zu. Mein Hund und ich werden in der nächsten Gruppe dran sein. Ich blicke in strahlende Gesichter. Alle Teilnehmer haben gute Laune, haben Spaß und scheinen glücklich. Glücklich, weil ihr Hund das Dummy reingebracht hat. Und eigentlich ist das gut so. Gute Laune ist der beste Garant für erfolgreiches Training, weil wir in guter Stimmung am besten lernen - aber das ist ein anderes Thema.

Es geht nicht um das Dummy

Es geht nicht um das Dummy, heißt im Training (anders im einem WT da ist in Schönheit sterben - Punkte verlieren nicht ideal) In einem Training nur den Blick auf das Dummy zu richten, ist in meinen Augen der erste Fehler im Training. Der Gedanke: es ginge um das Dummy. Welche Folgen hat der das? Denn, wenn es keine Folgen hätte, wäre es nämlich egal. Die Folge von "es geht um das Dummy" ist: das die Wichtigkeit darauf gelegt wird, ob der Hund das Dummy findet. Die Wichtigkeit liegt nicht darin, wie der Hund zum Stück kommt. Das schafft in vielen Teams ein Problem in Bezug auf das Dummy. Die Folge davon ist ein schrecklich ernster Umgang damit und die Folge wiederum davon ist, dass Hunde mit dem Dummy nicht mehr zurückkommen, es lochen oder gar verweigern. Ich habe einen Hund erlebt, der Meister im Ball apportieren war, ein Dummy aber nicht mehr aufnehmen wollte. 

Garvin of Dukefield beim Apport

Garvin of Dukefield beim Zurückbringen des Dummys um das es eigentlich gar nicht geht

Ein weiterer Grund warum das Dummy im Training nicht Priorität eins hat ist: Das man aus dem Blick verliert worum es geht. Ein Beispiel: Hasso wird auf ein Blind eingewiesen. Es ist ein Memory-Mark, das heißt: es war an irgendeinem Zeitpunkt im Training an der Stelle eine Markierung, bedeutet: der Hund kennt die Stelle. Da ich in meinem Aufbau Hunde nicht auf Memory-Mark Stellen blind schicke (warum nicht erfährst du in diesem Artikel: Warum Memory-Marks deinen Blind aufbau erschweren), werfe ich in die Bahn dazwischen eine Markierung. Der Hund holt die Markierung eins A, Bingo. Nun richte ich den Hund für das Blind dahinter aus und schicke den jungen Hund mit voran... Und jetzt zur Überschrift des Artikels: ist es mir egal, wie der Hund hinten an der Blindstelle ankommt, werde ich die "Fehler" oder die "ungenaue Linie" dorthin ignorieren: Hauptsache er kommt irgendwie beim Blind an. Ist mir das Dummy aber egal, werde ich die Strecke zwischen mir und dem Blind bewerten und notfalls eingreifen, sollte der Hund von seiner besten Linie abkommen oder einfach an der vorderen Markierungsstelle stehenbleiben. Sehr theoretisch? (Ich mache ein Video dazu, versprochen)

"Ein Dummy ist heilig und ein Ball steht für Freiheit, Spaß und Belohnung - verkehrte Welt"

Zu den Anfängen: Wenn ich meinem Welpen in jungen Monaten ziemlich respektlos ein Dummy werfe, sehe ich oft in erschreckte Gesichter, die mir sagen: wie kannst du es wagen ...? Ich frage: "hey, wo ist das Problem? Es ist nur ein Dummy." Aber für viele ist es das nicht mehr. Ein Dummy ist heilig und ein Ball steht für Freiheit, Spaß und Belohnung. 

Ich spule zur oberen Trainings-Szene zurück. Es geht um das Memory Mark (das ist, wenn der Hund die Fallstelle bereits kennt oder eine Markierung gesehen hat, die er aber erst später (memory) arbeiten darf). Die erste sachkundige Diskussion ist jetzt: wie schickt man? Ist ein sichtbar geworfenes Dummy immer ein Mark? Schick-Befehl "apport" oder wird es und wenn ja, ab wann, ein blind - Schick-Befehl: "voran". Oder ist es egal wie ich schicke ? Oder zu guter Letzt: gibt es eh nur ein Kommando für alles?

Und was lernt der Hund wirklich? (Für viele ist die Voran-Hand nicht mehr als ein Freigabezeichen)

Gut, die letzte Frage stellen sich nur wenige - dafür gibt es ja den Trainer. Aber genau die Frage, "wie schicke ich denn nu"? zeigt, dass viele keine eigene Philosophie für die Dummyarbeit entwickeln - was sie auch nicht müssten, sie könnten einfach eine übernehmen, tun sie aber auch nicht, sondern sie mutieren zu Befehlsfolgeempfängern ohne Lernerfahrung. Sie machen, was der Trainer sagt, ohne zu hinterfragen. Das ist die schlechteste Lösung, denn ab morgen werden sie alleine ihren Hund trainieren - der Trainer ist weg und kann keine Hilfestellung mehr geben - nun heißt es auf Erlerntes zurückgreifen - aber was war das noch gleich mal?

Der gesuchte Dummyweg

HIer siehst du den gesuchten der "Weg ist das Ziel" ;) Ein Dummyweg.

Wenn es nicht um das Dummy geht, um was geht es dann?

In einem Workingtest geht es um das Dummy. Je "schneller" der Hund das Dummy findet und zurückbringt, desto besser für die Bewertung, grob ausgedrückt. Im Training geht es um das "wie" - den Weg dorthin. Denn der Weg dorthin wird später das zeigen, was der Hund verstanden hat. Es ist seine Lernerfahrung.

"Auf Erlerntes zurückgreifen kann man nur, wenn man etwas gelernt hat"

Zurück zum Training und meinem Beispiel. Das Memory-Mark soll nun vom Hund geholt werden. Die Strecke: gut 70 m, quer über ein Feld hin zu einem Busch, dort liegt das Dummy. Die Teilnehmerin setzt den Hund an, zeigt auf den Busch und sagt "voran". Der Hund läuft los, 10 m dann weicht er bogenförmig von der geradesten Linie ab und stöbert im Zick-Zack-Modus über's Feld. Die Besitzerin schaut ihrem Hund nach. Irgendwann ist der Hund gute 20 m hinter dem Busch. Der Suchenpfiff klirrt in meinen Ohren seit gefühlten 60 m. Der Trainer fragt nach dem Wind. Die Teilnehmerin wirkt ertappt und schaut in den Himmel. Der Hund marschiert immer noch Querbeet über das Feld. Plötzlich reißt es ihn und er spurt zurück zum Busch. Die Frage nach dem Wind hat sich gerade beantwortet. Der Hund pickt das Dummy. Die Besitzerin jubelt. Der Trainer atmet aus.

Der Weg ist das Ziel.

Lass mich festhalten - an Trainingstagen sollte gerade in der Junghundephase der Weg das Ziel sein. Die Antwort auf die Frage, was lernt der Hund wirklich? Bedeutet, dass man ihm mit den Aufgaben klarmacht, um was es geht. Das heißt unsere Hunde lernen in unserem Training Handlungsketten. Ein gutes Training macht also nichts anderes als eine Handlungsabfolge an die nächste zu knüpfen. Je erfahrener der Hund wird und je mehr Handlungsketten er kennt desto größer ist sein Spektrum in der Dummyarbeit. 

Nun muss er nur noch folgsam sein... um eine gelernte Handlungskette mit einer Teamarbeit zu verknüpfen.

 Der Hund stoppt und wartet auf einen neuen Befehl
Arrono nach einem Stopp-Pfiff. Bereit für die nächste Anweisung (c) KB.

Die größte Diskussion zwischen den Ländern ist immer noch, ob man ein Kommando für Apport- und Einweise-Arbeiten nutzt oder zwei? In meinen Augen eine unbrauchbare Diskussion, wenn den Teilnehmer das Erreichen des Dummys glücklich macht und der Weg dahin egal ist. Und genau hier beginnt die Krux.

Hundebesitzer, die nicht nach dem Weg ausbilden, sondern nach dem Ergebnis, werden zu Hause in ihren Trainings immer leicht und einfach trainieren. Erstens verstehen sie den Unterschied zwischen einem intelligenten, für den Hund förderlichen Training und einem stupiden (immer gleichem) Training nicht und zweitens, und das ist fast noch schlimmer, geben viele neue Trainer einen intelligenten Trainingsaufbau auf und bedienen das ergebnisorientierte Training*. Alle sind glücklich, sobald der Hund das Dummy hat. (*Sei es, dass sie es nicht besser können oder eben keine Lust mehr auf mehr Anstrengung haben, oder weil kein Teilnehmer ein intelligentes Training einfordert.) Als stupides Training bezeichne ich ein Training, in dem nur Aufgaben abgearbeitet werden  - es fehlt der Aufbau für den jungen Hund. Man kann Aufgaben-orientiertes Training kann für einen erwachsenen und erfahrenen Hund gut sein. Für den jungen Hund wird es lange nicht verständlich sein.

Was zeichnet intelligentes Training aus? Das ist, wenn der Hund in seinen Anlagen gefördert, in seinem Stand der Dinge und seines Alters gemäß trainiert wird. Diese Art Training kann leicht und trotzdem tricki sein. Ergebnisorientiertes oder leichtes Training ist in den meisten Fällen ein sehr statisches Training. Eines, das den Hund "dumm" werden lässt, weil er es schnell durchschaut, den eigentlichen Inhalt der Trainingseinheit aber nicht verstehen wird.

Ein Beispiel. Unser Beispiel-Trainer beginnt mit seiner Junghundegruppe immer mit einem Memory-Mark als Blind-Aufbau. Der Aufbau ist immer derselbe. Der Hund mit Besitzer steht ihm in Entfernung X-Meter gegenüber. Er wirft ein Dummy an eine markante Stelle. Der Hund darf das Stück sofort holen. Er wird geschickt mit "apport". Der Hund hat die Flugbahn, den Werfer und die Fallstelle gesehen. Auf dem Rückweg mit dem Dummy legt der Trainer an die selbe Stelle ein Dummy nach. Nun schickt die Führerin den Hund in einer anderen Körperhaltung mit dem Kommando "voran". Der Hund kennt die Stelle. Er sieht den Trainer. Der Blind-Aufbau war geboren. Taraaaaa.

Die Frage lautet, was lernt der Hund wirklich? Das Training ist vorbei und die Hundebesitzerin zieht am Montag alleine los und beginnt 7 Tage die Woche ihrem Hund "blinds" zu lernen. Sie wirft ein Dummy, schickt den Hund, legt eines nach und schickt den Hund wieder. Das heißt, sie trainiert den Hund statisch und zu einfach. Statisch: es ist immer das gleiche tun. Einfach: er hat es nach dem 3.x begriffen. Was er gelernt hat, wird sich zeigen (in den meisten Fällen nicht, was "voran" bedeutet)

Statisches Training macht Hunde dumm

Ich begegne in den Trainings oft Aufgaben, die langweiliger nicht sein können: mark und blind. Dazwischen scheint es nichts mehr zu geben. Manchmal noch mark - mark - blind. Alle Stellen wurden vorher über entsprechende Memory-marks aufgebaut. Das Gelände wird selten gewechselt, der Hundebesitzer steht fröhlich am selben Platz. Jeder Hund macht die gleiche Aufgabe. Spätestens der dritte Hund weiß, wohin er muss und lernt den Spuren der anderen zu folgen schnell zum Dummy führt (nur zu der Frage, was lernt der Hund wirklich?).

Was kann durch statisches oder zu einfaches Training passieren? Wer immer gleich trainiert, produziert vermehrt die Gefahr des Einspringens und des störenden Lautgebens, jeder Hund, der den nächsten Schritt im Schlaf kennt, kann sich entweder langweilen und einspringen oder laut gähnen. Am Ende hat man mehr Fehler oder ungewolltes Verhalten in den Hund hinein trainiert, als das der Hund begriffen hätte, was die Hand beim Voran bedeutet. Und wie gesagt, es geht hier nicht um den einmaligen Aufbau eines Blinds über ein Memory Mark, sondern "über die Monate" gleiche Übung.

im Training variierenIm Training variieren bringt neue Erkenntnisse für beide Seiten (c) Corina Menzel

Ist das jetzt alles schlimm?

Keineswegs. Wer sich auf Workingtesten auf den Ergebnislisten gerne weiter hinten ansiedelt, wer nach dem Motto startet "dabei sein ist alles" - für den wird dieses Training weiterhin genügen. Obwohl ich finde, dass es für unsere Möglichkeiten und für die unserer Hunde eine Beleidigung ist. Aber wenn das Erreichen eines Dummys zu Glücksmomenten führt, wer wollte diese zerstören? Für alle anderen gilt: Glück kann auch im Fehler liegen. Das wiederum wirft die Frage auf, wie man sich selber motiviert. Ich gebe zu, eine gut gelungene Aufgabe erfreut mich wirklich sehr. Aber wenn eine Aufgabe schiefgeht, sehe ich das größte Potenzial im Wachstum. Und das ist wohin ich will. Wachsen. Zusammenwachsen. Ein Team werden mit meinem Hund.

Die Open, das ist Freestyle pur

Wer in der  Open (offene Klasse) oder auch Siegerklasse genannt, starten möchte oder wer auf einem Mock Trial starten will, der braucht einen beweglichen Hund. Beweglich im Sinne von "vergiss-einen-statischen-das-ist-jetzt-immer-so-Aufbau" - denn plötzlich wird es kein Mark - Blind als typische und einstudierte Aufagabe geben, sondern alles ist möglich. Die Aufgabenschwere liegt ganz alleine in der Hand des Richters. Da braucht es Hunde, die "voran" verstanden haben, die wissen, was es bedeutet über eine alte Fallstelle zu gehen, die in einer Suche suchen, und wenn dann da nichts mehr liegt, gestoppt und weiter nach hinten geschickt werden können, weil sie einen vermeintlichen Runner arbeiten sollen. All das wird ein statisch ausgebildeter Hund nicht erleben. Weil er verloren auf dem Feld stehen und seinen Aufbau suchen wird. Weil er über die Jahre nicht verstanden hat, was man ihm lernen wollte.

Dem Hund ist das sicherlich egal. Aber seine Anlagen hätten weitaus mehr hergegeben, wenn nur nicht dieses verflixte statische Training gewesen wäre und der Glücksmoment, wenn der Hund das Dummy hat. Wir sehen uns beim Training oder im Feld.

Es grüßt dich Claudia von keinköter.de

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